DER KOLBENHOF

Seit mehr als 100 Jahren wird das Bild der Friedensallee Nr. 128 von Werks- und Fabrikhallen bestimmt, entstanden in einer Zeit, in der Ottensen noch zu den zentralen Industriestandorten Hamburgs gehörte.
Die ehemaligen Werkshallen und die verwinkelten Hinterhöfe erinnern noch heute an die industrielle Vergangenheit des Geländes. Auf dem knapp vier Hektar großen Areal war ursprünglich eine Gießerei angesiedelt. Von 1935 bis 2009 produzierte dort die Firma Kolbenschmidt, ein Unternehmen der Rheinmetall AG. Zunächst wurden Kolben für Flug- und Schiffsmotoren hergestellt, in den 1980er Jahren spezialisierte sich das Unternehmen dann auf Pkw-Kolben und Kolbenbolzen. Das Gelände wurde über die Jahre fortlaufend erweitert und verfügt heute über sechs Hallen, ein viergeschossiges Verwaltungsgebäude, ein Kompressorhaus, ein Sozialgebäude sowie ein fünfgeschossiges Magazingebäude.
Viele der historischen Fabrikgebäude sind seit 2010 Heimat für Kleingewerbebetriebe geworden für die an anderen Orten in Hamburg kein Platz mehr ist.
Wie es weitergeht, bleibt ungewiss. Der Bezirk Altona entwickelt für das alte Industrieareal zur Zeit einen neuen Bebauungsplan. Politisches Ziel des angestrebten Bebauungsplans ist aber eine neue Mischung aus Wohn- und Gewerbegebiet, wie es sie in dieser Form bisher in Hamburg noch nicht gibt. Etwa 30.000 Quadratmeter Fläche für den Wohnungsbau mit 250 bis 350 Wohnungen wären möglich. Und noch einmal 30.000 Quadratmeter für Gewerbebetriebe.
Diese Zielvorgabe ist Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Bezirksregierung und dem Eigentümer – der Rheinmetall Immobilien GmbH. Der politische Einfluss ist möglich, da das Kolbenschmidt-Gelände als reines Gewerbegebiet ausgewiesen ist und eine Änderung des Bebauungsplans notwendig ist, um Wohnungsbau zu ermöglichen.
Eine politische Regulierung ist dringend notwendig, denn geht es nach rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten hat Gewerbe bei aktueller Marktlage keine Chance gegen Wohnungsbau. Der Kolbenhof ist eine der letzten alten Industrieflächen in Altona. Die bestehende Infrastruktur hat sich bereits vollständig refinanziert. Im Gegensatz zu Neubauten können im Altbestand günstige Mieten (ohne staatl. Förderung oder Quersubvention) realisiert werden. Neubauten für kleine und mittlere Handwerksbetriebe (speziell emittierendes Gewerbe) werden kaum gebaut. Auflagen im Bereich Brand-, Emissions- und Arbeitsschutz machen das für Mieter unbezahlbar und für Investoren uninteressant. Ein Abriss von Altbestand ist irreversibel und bedeutet für viele Kleinbetriebe das Aus.
Die Folgen der Umwandlung von Gewerbe- in Wohnbauflächen und der massiven Förderung des Wohnungsbau hat bereits sichtbare Folgen. Der bunte Mix geht verloren. Innerhalb von nur zehn Jahren schmolz die Gewerbefläche im Bezirk Altona von 358 auf 314 Hektar. Handwerksbetriebe schließen oder sind nicht mehr kundennah, weil sie in Gebiete am Stadtrand oder ins Umland ziehen müssen. Damit geht dem Bezirk und der Stadt nicht nur ein bisschen Farbe verloren, sondern auch Arbeitsplätze und Gewerbesteuern. Dafür gibt es mehr Verkehr auf der Strasse: Die Pendler zu ihrem neuen Arbeitsplatz am Stadtrand und die Kunden welche jetzt das Auto nehmen müssen, anstatt zu Fuß zu gehen.
In diesem Jahr reagierte Altona daher mit einem neuen Gewerbeflächenkonzept. Durch Bebauungspläne und Veränderungssperren sollen Nischen für Kleinbetriebe erhalten werden.
Das neue Konzept für das Kolbenschmidt-Gelände ist ein Teil dieser Gewerbeflächen-Strategie.

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